< zurück

 

Scharnebeck – Bacqueville-en-Caux

 

Entstehung der Partnerschaft

 

Der ehemalige Scharnebecker Bürgermeister Helmut Bockelmann schilderte in seinem Bericht 1984 die Entstehung der Partnerschaft zwischen den beiden Gemeinden:

„Am 10. Dezember 1972 rief mich, als damaligen Bürgermeister unserer Gemeinde, Herr Neppert, Dozent an der Barendorfer Volkshochschule an und erzählte mir, es fände dort ein Seminar über die Zusammenarbeit der landwirtschaftlichen Jugend aus Frankreich und Deutschland statt. Während des Seminars habe ihn ein Teilnehmer aus Frankreich, Monsieur Clement Delacroix, gefragt, ob er nicht eine Gemeinde kenne, die bereit sei, mit einer ländlichen Gemeinde in Frankreich eine Partnerschaft einzugehen; dabei habe er – Herr Neppert – an Scharnebeck gedacht.

Wir vereinbarten, dass Herr Neppert mit Monsieur Delacroix an einem der nächsten Tage zu einem Gespräch nach Scharnebeck kommt, und dass bei der Gelegenheit Scharnebeck besichtigt werden solle. Bei der ersten Begegnung, an der auch der damalige stellvertretende Bürgermeister, Herr Warnbold, teilnahm, wurde der erste Kontakt geknüpft.

Am 08.02.1973 beschloss der Gemeinderat, mit Bacqueville-en-Caux freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen mit dem Ziel einer Partnerschaft. Eine Delegation der französischen Gemeinde unter Führung von Bürgermeister Poulain besuchte uns, der Gegenbesuch erfolgte im Juni 1973 aufgrund eines einstimmigen Ratsbeschlusses.

Bei diesem ersten – noch sehr flüchtigen – Kennenlernen stellten wir fest, dass sich beide Gemeinden in Hinblick auf Einwohnerzahl und Infrastruktur sehr ähnlich sind. Entscheidend war aber, dass sich schon bei diesen ersten Begegnungen ganz persönliche und freundschaftliche Kontakte ergaben, aus denen heraus alle Delegationsteilnehmer eine Partnerschaft lebhaft begrüßten; alle Ratsmitglieder waren sich darüber hinaus einig, dass sowohl die Vereine als auch die gesamte Bevölkerung unseres Dorfes an der Partnerschaft beteiligt werden sollten – auch die Schüler des Schulzentrums. Ich meine im Rückblick auf die vergangenen 10 Jahre, dass das auch erreicht worden ist.

Am 12. Juni und am 11. Juli 1973 wurde daher die Partnerschaften zwischen Bacqueville-en-Caux und Scharnebeck in den Räten förmlich beschlossen, der festliche Austausch der Urkunden fand am 02. Mai 1974 in Scharnebeck und am 28. September in Bacqueville-en-Caux unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt.

Ich weiß, dass für viele, die an diesen Festlichkeiten teilgenommen haben, diese Tage unvergeßlich sind; und ich weiß auch, dass bei den vielen Besuchen in Bacqueville-en-Caux und Scharnebeck zahlreiche Freundschaften entstanden sind, und die Erinnerungen an schöne Stunden aus diesen Begegnungen lebendig bleiben.“

 

Gemeinderäte von Bacqueville-en-Caux und Scharnebeck 1974

 

vlnr.: unbekannt, Heinrich Harten, Adolf Denker, Jean Senecal, Pierre Dubois, Michel Lemarchand, unbekannt, Dr. Remy Dutot, Jean Polain, Léon Gresil, René Crampon, Martha Vorberg, Jacqueline Grincourt, Hans Bünning, unbekannt, Helmut Bockelmann, Albert Licht, Wilhelm Meyer, Leo Bronietzky, Bernard Brochet, Eugêne Manieu, Klaus Krumstroh, Maurice Massif, Wilhelm Kruse

 

Helmut Bockelmann (l.) und Jean Polain (r.) bei der Enthüllung des Partnerschaftsschildes

 

 

Gründung des Partnerschaftsausschusses

Willy Wykhoff berichtete in der Dorfzeitung, anläßlich des 15-jährigen Jubiläums des Partnerschaftsausschusses:

 

Brigitte Möller (2.v.r.) und Gerard Limare (l)

 

„... Im Mai 1982 wurde erstmals ein Partnerschaftsausschuss gewählt, dem folgende Bürger Scharnebecks angehörten: Willy Wykhoff (Vorsitzender), Hans Bünning (Stellvertreter), Bernd Brettschneider, Hermann Kahle, Brigitte Mathys, Brigitte Möller, und Antje Wejnar. Von diesem damaligen Team gehört seit dieser Zeit außer dem jetzigen Ehrenvorsitzenden (Bacquewilly) Wykhoff ununterbrochen noch Brigitte Möller dem Ausschuß an. Sie hat viele Jahre als 2. Vorsitzende sehr intensiv und zupackend an der Partnerschaft gearbeitet und die jeweiligen Vorsitzenden wußten ihre Aktivität zu schätzen. Bereits in den ersten Jahren der Partnerschaft organisierte sie mit jungen Sportlern neben den jährlichen Routinebesuchen Sonderfahrten und baute in dieser Zeit viele Freundschaften auf.

Beide, Brigitte Möller und Gerard Limare, sollen in den Tagen des Besuches für ihren Einsatz geehrt werden.

Übrigens, der Partnerschaftsausschuss kam 1982 zustande, weil das Interesse einiger Ratsmitglieder nachließ und sich eine Gruppierung bildete, welche sich intensiv dafür einsetzte, dass ein frei gewählter Ausschuss die Arbeit übernehmen sollte. Man wollte, wie damals in den umliegenden Gemeinden üblich, keinen vom Rat delegierten und nach Parteimehrheiten zusammengesetzten Ausschuss. Der Rat zog erfreulicherweise mit und es kam dann bald ein Vertrag zustande, in dem die Gemeinde dem Partnerschaftsausschuss die Aufgaben an der Partnerschaft übertrug. Durch die stimmberechtigte Mitgliedschaft des jeweiligen Bürgermeisters und des Vorsitzenden des Kulturausschusses ist eine gute Zusammenarbeit weiterhin gegeben...“

 

Bacqueville-en-Caux und Scharnebeck 1974 und 1999

Annelies Sonntag berichtete in der Dorfzeitung, anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Partnerschaft:

„In der Festschrift zur Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde von 1974 finden sich genaue Angaben über die Struktur beider Gemeinden, wobei Scharnebeck durch die Vielzahl seiner Vereine imponierte, Bacqueville-en-Caux dagegen stolz ein Kino, ein Sportstadion mit Tribüne und eine zweimal (!) wöchentliche Müllabfuhr aufwies.

Aber es gab auch viele Gemeinsamkeiten: Bacqueville-en-Caux zählte damals etwa 1800 Einwohner, Scharnebeck 1700. Es gab noch viele Bauern im Ort, in Bacqueville-en-Caux um die 40, in Scharnebeck rund 30 Höfe. Beide Gemeinden hatten mehrere Schularten, jede zählte zwei Ärzte, einen Zahnarzt, zwei bzw. drei Tierärzte, eine Apotheke und eine Krankenschwester. Scharnebeck besaß ein Krankenhaus, Bacqueville-en-Caux dafür das Medizinisch-pädagogische Institut (I.M.P.). Bacqueville-en-Caux liegt im Norden Frankreichs, Scharnebeck im Norden Deutschlands. Bacqueville-en-Caux hat das mittelalterliche Rouen, wir haben Lüneburg.

Doch über die Atmosphäre eines Ortes sagen Zahlen nichts aus. Voller Staunen registrierten die ersten Bacqueville-en-Caux-Besucher aus Scharnebeck, dass ihr Partnerort sich als kleine Stadt erwies mit einem großen Marktplatz, umsäumt von Geschäften, Restaurants und städtischen Wohnhäusern, gekrönt von einem imposanten Rathaus mit Balkon und Uhr. Davor ein heroisches Kriegerdenkmal.

 

Marktplatz und Rathaus von Bacqueville-en-Caux 1974

 

Scharnebeck dagegen war trotz Schiffshebewerk und modernem Schulzentrum ein Dorf. Die Geschäfte lagen verstreut auseinander, und Bürgermeister Bockelmann empfing die französischen Gäste im bescheidenen Gemeindebüro an der Hauptstraße.

 

Und jetzt, 25 Jahre später?

Viele Familien aus den verschwisterten Orten sind seither viele Male hin- und hergereist zwischen der Normandie und Niedersachsen. Voll Anteilnahme haben sie die Entwicklung ihrer Partnergemeinde verfolgt und sich zusammen mit deren Bürger über die Fortschritte gefreut.

Aber zunächst einige Fakten. In beiden Gemeinden ging die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe um über die Hälfte zurück, die meisten Einwohner beider Orte verdienen ihren Lebensunterhalt jetzt außerhalb. Es wurde viel gebaut. Hüben wie drüben entstanden schmucke Neubausiedlungen – z.B. in Bacqueville-en-Caux die „Résidance de Scharnebeck“. Aber während in Bacqueville-en-Caux die Einwohnerzahl leicht zurückging, verdoppelte Scharnebeck sich auf mittlerweile 3500 Bürgerinnen und Bürger.

 

Dorfgemeinschaftshaus von Scharnebeck 1999

 

Trotzdem: Scharnebeck ist noch immer ein Dorf und versucht, seinen dörflichen Charakter soweit wie möglich zu erhalten. Mit großem ideellen und finanziellen Aufwand restaurierte die Gemeinde eine alte Hofstelle und richtete dort ihr neues Gemeindebüro und einen Jugendtreff ein. Durch die Teilnahme am Dorferneuerungsprogramm ermöglichte sie auch private Erhaltungsmaßnahmen des Dorfbildes. Unser „Marktplatz“ dagegen ist immer noch ein Fremdkörper und scheint sich gegen Verschönerungsversuche zu sperren.

 

Anders in Bacqueville-en-Caux!

Hier gestaltete die Gemeinde ihren Marktplatz – den „Place du Général de Gaulle“ zur guten Stube um, mit Wegen, vielen Blumenbeeten, eleganten Bänken und stimmungsvoller Beleuchtung am Abend. Das Rathaus wurde ausgebaut und renoviert, die Fassade mit Blumen geschmückt. So wirkt Bacqueville-en-Caux jetzt städtischer als zuvor – aber nur am Markt, denn gleich hinter dessen Häuserfronten beginnen Gärten, Wiesen und Felder. Dort findet man dann auch Fachwerk-Bauernhäuser, aber ganz andere als bei uns – eben normannische!“

 

Reisen von und nach Bacqueville-en-Caux

In jedem Jahr findet jeweils eine Busreise mit einer Teilnehmeranzahl von ca. 55 Erwachsenen und Jugendlichen, von Scharnebeck nach Bacqueville-en-Caux und umgekehrt statt. Der jeweilige Gastgeber organisiert ein Überraschungsprogramm für die Gäste, das ihren Höhepunkt in einem gemeinsamen Fest findet, bei dem regionstypische Spezialitäten verspeist werden.

Einen Eindruck über die Programminhalte mag folgender Auszug geben:

 

1984

Anläßlich des 10jährigen Bestehens der Partnerschaft erfolgt die Ausgabe eine umfangreichen Dorfzeitung. In dieser erfolgen Grußworte der Bürgermeister (Gerard Savoye aus Bacqueville-en-Caux und Hans-Georg Führinger aus Scharnebeck) sowie verschiedene Berichte u.a. von Helmut Bockelmann (Auszug s.o.), A. Ziehm und der Sportvereinigung Scharnebeck e.V.

Beide Partnerschaftsausschüsse entwerfen jeweils einen Aufkleber:

Aufkleber des Partnerschaftsausschusses aus Bacqueville-en-Caux

 

Aufkleber des Partnerschaftsausschusses aus Scharnebeck

   
   
   
   

1986

Die „Ragtime United“ aus dem Raum Scharnebeck-Lüneburg, welche bei einer gemeinsamen Veranstaltung der Partnerschaften auftrat, wurde durch Vermittlung von Daniel Bénard als Vorstandsmitglied des französischen Partnerschaftsausschusses, im Juli zu dem internationalen Jazzfestival „Jam Potatoes“ im Nachbarort Luneray mit Aufenthalt in Bacqueville-en-Caux eingeladen.

   
   
   
   

1991

Neben wechselnden Kunstausstellungen einheimischer Künstler wird im Rathaus von Bacqueville-en-Caux auch eine viel besuchte Ausstellung von Laien- und Hobbykünstlern aus Scharnebeck gezeigt.

   
   
   
   

1995

Der Besuch in Bacqueville-en-Caux wird verlängert durch einen „kleinen“ Abstecher nach Paris. In anderthalb Tagen wird dort u.a. eine Stadtrundfahrt und eine Lichterfahrt auf der Seine durchgeführt.

   
   
   
   

1997

Titelblatt der Dorfzeitung Scharnebeck, Ausgabe 6/97

   
   
   
   

1999

Anläßlich des 25jährigen Bestehens der Partnerschaft erfolgt ein Tagesausflug nach Berlin und Potsdam.

Am folgenden Tag findet im Lübbelaupark ein Dorffest statt, das unter anderem folgendes bereit hält:

·       Deutsch-französiches Spiel ohne Grenzen

·       Café Jumelage

·       Spezialitäten aus der Normandie

·       ein 25 m langes Jubiläumsbrot

   
   
   
   

2002

Im August wird ein großes internationales Dorffest in der Lübbelau gefeiert, denn neben unseren Freunden aus Bacqueville-en-Caux sind gleichzeitig auch unsere Freunde aus Miescisko (Polen) zu Besuch.

   
   
   
   

2004

Anläßlich des 30jährigen Bestehens der Partnerschaft wird den Gastgebern in Bacqueville-en-Caux ein „Verkehrsschild“ übergeben, das unseren französischen Freunden den Weg nach Scharnebeck zeigen soll.

 

Beim Gegenbesuch in Scharnebeck findet eine Tagesfahrt über Ratzeburg nach Lübeck mit Wildschweinessen statt.

Beim gemeinsamen Festakt zum Jubiläum erfolgen Auftritte des Kirchenchores St. Marien (mit deutschen und französischen Liedern u.a. dem Heimatlied der Normandie), des Posaunenchores St. Marien sowie von Kindern mit einer einstudierten „Sportshow“. Die weitere musikalische Begleitung des Abends erfolgt durch die Gruppe „Jam“.

 

Eine kleine Anekdote zum Schluss:

Willy Wykhoff berichtete in der Dorfzeitung 1999 zum Thema Sprachschwierigkeiten:

„Es gab natürlich auch manchmal sprachliche Probleme. Aber es bildete sich auch im Laufe der Zeit in Scharnebeck ein vereinfachtes französisches Sprachsystem aus. Zum Beispiel sagte man anstatt des viel gebrauchten „A votre santé“ (Auf Dein Wohl) einfach „A votre sanitär“ oder statt „C’est la vie“ (So ist das Leben) „Tel Aviv“. Wenn es sprachlich nicht mehr weiterging, nahm man auch Hände und Füße zu Hilfe. Hierbei ist einmal folgendes passiert:

Ein bekannter und angesehener Scharnebecker war bei dem jetzigen Bürgermeister Gerard Savoye zu Gast, der ja bekanntlich Tierarzt ist. Man zechte bis in die frühen Morgenstunden, als plötzlich das Telefon klingelte. Herr Savoye machte seinem Gast durch Zeichen verständlich, ob er mitkommen wolle. Dieser erzählte dann später: „Wir rasten im Wahnsinnstempo über enge Straßen und Wirtschaftswege in unbewohnte Gegenden durch die Nacht. Plötzlich eine Vollbremsung. Savoye sprang aus dem Auto, ich hinterher. Dann riss er sich die Hose herunter. Was sollte ich machen, ich tat dasselbe. Wir sprinteten dann beide in Unterhosen, ich immer hinterher, über Weiden und Stacheldrahtzäune und mir war völlig rätselhaft, was er mit mir vorhatte.“ Des Rätsels Lösung: Eine Kuh hatte Schwierigkeiten mit dem Kalben und Savoye seine beste Hose an, die er beim Hindernislauf über Stacheldrahtzäune schonen wollte.